Ballincollig - Absturz und Wiedergeburt


Manchmal muss man einfach mit einem Knaller anfangen, oder in diesem Fall mit einem Gerät um selbige auszuliefern. Dieses Geschütz steht in der Mitte des Barrack Square, dem Ort, wo ich seit einiger Zeit arbeite, nachdem ich ja im Februar Apple verlassen hatte. Und der Unterschied zwischen der Umgebung meines alten Arbeitsplatzes im äußersten Nordwesten der Stadt Cork, eingeklemmt zwischen einem sozialen Brennpunkt, einem leerstehenden Industriegebiet und sehr viel Landschaft, und dem kleinstädtischen Umfeld in Ballincollig könnte kaum stärker sein. 
Ballin…was???? Ja, okay, ich gebe zu, dieses Thema ist nicht wirklich offensichtlich, erst recht nicht, wenn man noch nie in der Gegend um Cork war. Ich mein, wer hat im Ausland schon von Orten wie Bad Vilbel, oder gar Offenbach gehört? Dabei ist Ballincollig, so unscheinbar es auf den ersten Blick auch sein mag, ein ziemlich interessantes Örtchen, und zwar sowohl in geschichtlicher Hinsicht, als auch mit Blick auf die schwere Wirtschaftskrise, die Irland von 2008 bis vor kurzem durchlitten hat. 
Aber gehen wir mal Schritt für Schritt vor. Die Geschichte von Ballincollig ist nicht wirklich atemberaubend. Ein im 13. Jahrhundert erbauter Wehrturm gab dem Ort seinen Namen, und über diverse Jahrhunderte war Ballincollig nicht viel mehr als eine kleine Ansammlung von Gehöften und Häusern. Erst 1794 kam Bewegung in die Sache, als der Corker Geschäftsmann Charles Henry Leslie im Tal des River Lee eine Pulvermühle errichtete. Nur vier Jahre später erhoben sich die Iren im Aufstand von 1798, und obwohl dieser, wie so viele andere auch, blutig niedergeschlagen wurde, wurde der britischen Heeresführung schlagartig klar, wie wichtig die Pulvermühle war, und dass diese geschützt werden musste. Im Jahr 1806 wurde daraufhin mit dem Bau der Royal Artillery Barracks begonnen. Bereits zwei Jahre zuvor, im Jahr 1804, hatte Leslie die Pulvermühle an die britische Regierung verpachtet.
Das nenn ich mal ein Büro mit Ausblick. Blick von der Dachterrasse eines der Gebäude am Barrack Square auf das Tal des River Lee, und den Ballincollig Regional Park.
Auf dem gesamten Gelände sieht man Überbleibsel aus der Zeit der Pulvermühle.
Es wäre nur schön, wenn die Ruinen auch mit Hinweistafeln versehen wären, die einen Überblick über die Vergangenheit und den Zweck der Gebäude liefern.
Neue Brücken erschließen den Park für Besucher.
Einige mussten vor kurzem ausgetauscht werden, nachdem der Park im Zuge schwerer Überschwemmungen teilweise stark in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Da Schießpulver ja etwas brisanter ist, war das Gelände der alten Pulvermühle  sehr ausgedehnt. Nicht das es nach einem Produktionsunfall, die es hier des öfteren gab, zu einer Kettenreaktion kommt.
Aufgrund der Anordnung gehe ich mal davon aus, dass diese beiden Gebäude der Verwaltung dienten, und keine Produktionsgebäude waren.

Im Jahr 1810 waren die ersten Gebäude bezugsfertig, und die 7. und 9. Batterie der Royal Artillery wurden nach Ballincollig verlegt, was der Kaserne ihren Namen, Royal Artillery Barracks, gab. Mit der Stationierung dieser Einheiten begann eine militärische Tradition in Ballincollig, die fast 200 Jahre überdauern würde. Zur gleichen Zeit wurden die Kaserne und die Pulvermühle durch eine Steinmauer abgesichert, die auch heute noch im Stadtbild sichtbar ist. Sowohl die Kaserne, als auch die Pulvermühle wurden zu großen Arbeitgebern im Ort und in der Region. Dies ging soweit, dass die verheerende Hungersnot (Great Famine) von 1845 bis 1852 in Ballincollig deutlich weniger schwerwiegend war, als in anderen Landesteilen. Im Jahr 1866 wurde der Ort an das Eisenbahnnetz der Cork and Macroom Railway angeschlossen, womit eine direkte Bahnverbindung zum Hafen von Cork zur Verfügung stand.
Barrack Square. Auch wenn es hier heutzutage deutlich freundlicher aussieht als zur Zeit der Irischen oder Britischen Armee, so ist die Vergangenheit als Kasernenhof absolut offensichtlich.
Am Gebäude in der Mitte, dem Parnell House, kann man erkennen, dass die alten Kasernengebäude mit modernen Anbauten erweitert wurden, als dieser Teil der Kaserne zu einem Gewerbepark umgebaut wurde. Parnell House ist übrigens mein aktueller Arbeitsplatz.
Auch die ehemalige Standortkommandantur ist mittlerweile ein Bürogebäude. Links und rechts von ihr kann man erkennen, dass das historische Ensemble mit modernen Bürogebäuden ergänzt wurde. In meinen Augen wirken diese Neubauten aber nicht als störende Elemente.
Die alten Stalllungen wurden ebenfalls umgebaut, stehen aber leider seit dem Umbau leer. Ein Mieter hat sich bis dato nicht gefunden.
Schade in meinen Augen, das Gebäude ist durchaus interessant.
Besser ist es da der alten Offiziersmesse ergangen. Sie ist mittlerweile ein Ärztezentrum samt Apotheke.
Das alte Heu/Futterlager neben dem alten Haupttor der Kaserne. Im Hintergrund sieht man einige der Neubauten des Wohngebiets "The Quadrants".
Auch das Coach House, ehemalige Garage für Kutschen, etc., steht seit der Restaurierung leer. Nach Berichten im  Evening Echo will hier die US-Kaffeehauskette Starbucks in den nächsten Monaten eine Filiale eröffnen. 
Wie man sieht, ist das Coach House direkt in die alte Kasernenmauer integriert.
Der Torbogen ist das alte Westtor der Kaserne. Ein Foto des Osttors habe ich leider nicht machen können, das steht an einer vielbefahrenen Kreuzung.
Im Jahr 1903 kam dann der große Knall, also zusätzlich zu den diversen Industrieunfällen, die den Ort über die Jahrzehnte erschüttert hatten. Sprengstoff ist halt gefährlich. Die Pulvermühlen wurden aufgegeben, die Produktion war einfach nicht mehr rentabel. Mit der Unabhängigkeit des Irischen Freistaats im Jahr 1922 wurden auch die letzten Einheiten des britischen Militärs aus Ballincollig abgezogen. 1935 erfolgte der nächste Nackenschlag, als der Passagierverkehr auf der Cork and Macroom Railway eingestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt bestand Ballincollig aus nicht viel mehr als den Häusern entlang der Main Street, einigen kleinen Seitenstraßen, und dem gewaltigen Brachland auf dem ehemaligen Militärgelände. 
1940, im Zuge der Emergency, wie der 2. Weltkrieg in Irland bezeichnet wurde, wurden die Royal Artillery Barracks reaktiviert. Kompanie C des 4. Infanteriebattalions der Irish Defence Forces wurde in Ballincollig stationiert, zusammen mit 31. West Cork Battalion. Aus den Royal Artillery Barracks wurden im Laufe der Zeit die Murphy Barracks. Ab den 1960ern, als Irland seine selbst gewählte wirtschaftliche Isolation hinter sich lies, ging es dann auch mit Ballincollig aufwärts. Aus dem kleinen Garnisonsort wurde eine Pendlerstadt, die aufgrund ihres ländlichen Charakters und der gleichzeitigen Nähe zu Cork sehr schnell sehr beliebt wurde. 1974 erwarb Cork County Council das Gelände der alten Pulvermühle von ICI Nobel, und entwickelte sie zu einem Naherholungsgebiet, dem Ballincollig Regional Park.
1998 endete dann die militärische Tradition von Ballincollig. Die Murphy Barracks wurden geschlossen, und das 1. Feldartillerieregiment, welches seit 1946 in Ballincollig beheimatet war, wurde in die Collins Barracks nach Cork verlegt, wo es den Kern des 1. Brigade Artillery Regiment bildete, welches bis heute existiert. Die Murphy Barracks verfielen wieder in einen Dornröschenschlaf. Dieser endete 2003, als das Gelände von einem privaten Investor gekauft wurde, der aus der Kaserne ein Einkaufszentrum, einen Gewerbepark, und ein Wohngebiet machen wollte.
Es würde allerdings deutlich länger dauern als erwartet, bis das als Ballincollig Town Centre bezeichnete Projekt auch tatsächlich halbwegs in Schwung kam. Zwar wurden im Jahr 2015 das Einkaufszentrum und der Gewerbepark eröffnet, ein beträchtlicher Teil der 800 Wohnungen waren allerdings noch in der Planungs-, oder Bauphase als 2008 die Irische Wirtschaft kollabierte. O’Flynn Construction, die treibende Kraft hinter dem Ballincollig Town Centre, war eine der Firmen, die Opfer dieses Zusammenbruchs wurden. Zwar war bereits 2007 der mittlerweile größte Mieter des Gewerbeparks Barrack Square, der US-Softwarekonzern VMware, eingezogen, trotzdem fiel ein beträchtlicher Teil der Liegenschaften an NAMA, die Bad Bank des Irischen Staates. Große Teile des Wohngebietes The Quadrants wurden im Rohbaustadium belassen, und auch viele Geschäfte im Einkaufszentrum standen leer. 
Der Vorplatz des Einkaufszentrums ist zu einem der Brennpunkte des  Geschehens in Ballincollig geworden.
Okay, einige Geschäfte stehen noch leer, aber ansonsten kann sich das Zentrum doch schon sehen lassen.
Mit Dunnes Stores ist auch ein großer, wenn auch eher fragwürdiger Supermarkt vertreten. Weiter hinten , auf der anderen Seite des Parkplatzes, hat sich übrigens Tesco niedergelassen.
Panorama des Vorplatzes.
Es steht leider noch einiges leer, gerade im Wohngebiet The Quadrants. 
Panorama aus den Quadranten. Vom Einkaufszentrum (links) bis zum Barrack Square (rechts).
Dieser Weg führt vom Haupttor zum zentralen Platz. Auch hier steht leider noch sehr viel leer.
Erst in den letzten Jahren begann die Situation, sich zu verbessern. Im Jahr 2014 ging das Einkaufszentrum in den Besitz des US-Immobilieninvestors Blackstone über, und seit 2016 werden auch die Wohnungen in den Quadrants Stück für Stück fertiggestellt. Mittlerweile operiert das Einkaufszentrum unter dem Namen Castle West Shopping, und in der unmittelbaren Nachbarschaft hat 2014 die UK-Supermarktkette Tesco eine beeindruckende Filiale eröffnet. Barrack Square ist mittlerweile fast vollständig vermietet, wobei allein vier der 7 Gebäude vollständig von VMware genutzt werden, die mittlerweile fast 800 Mitarbeiter beschäftigen. In der ehemaligen Offiziersmesse der Kaserne ist das lokale Ärztezentrum untergebracht worden, und die Kasernenmauer ist ein wichtiges architektonisches Element des Ballincollig Town Centre geworden. Weiter Richtung Westen hat der amerikanische IT-Konzern EMC, jetzt DellEMC, einen Bürokomplex in Betrieb genommen. Der Bau der N40, des südlichen Autobahnrings um Cork, hat einen beträchtlichen Teil des Transitverkehrs aus West Cork und Kerry aus dem Stadtbild entfernt, so dass die Hauptstraße nicht mehr in Abgasen erstickt.
Blick entlang der Main Street in Richtung Osten, und somit in Richtung Cork. Hier gibt es noch eine ganze Reihe kleinerer Läden, Pubs, Restaurants, etc. 
Panorama der Main Street. Sorry, aber die Seitenstraßen hab ich mir nicht angetan. Erstens gibt es nicht viel zu sehen, und zweitens sind viele der oben gezeigten Aufnahmen in meiner Mittagspause entstanden, ich hatte also nicht allzu viel Zeit.
Ballincollig ist aber nicht nur aus infrastruktureller Sicht in einem guten Zustand. Wer zum ersten Mal von Cork kommend den Ort besucht, dem wird auffallen, wie sauber alles ist. Hauptursächlich dafür ist das örtliche Tidy Towns Committee, die unermüdlich dafür Sorge tragen, dass die Bürgersteige sauber, die Häuser geschmückt, und die Dekorationen in Ordnung sind. Wenn man bedenkt, dass Ballincollig mit mittlerweile 17.000 Einwohnern eine ansehnliche Kleinstadt ist, dann ist die Leistung durchaus beeindruckend. Aber auch abgesehen davon ist das Soziale Umfeld vor Ort recht intakt, Schulen, Sportvereine, und örtliche Theatergruppen erfreuen sich hoher Beliebtheit. Die Parade zum St. Patrick’s Day, die ich dieses Jahr besucht habe, ist ein Anzeichen dafür, die weitaus meisten der 44 teilnehmenden Gruppen stammten aus Ballincollig.
Natürlich profitiert der Ort von der räumlichen Nähe zu Cork, und längst ist Ballincollig zu einer Pendlerstadt im Speckgürtel von Cork geworden. Somit ist die wirtschaftliche Zukunft der Stadt untrennbar mit der von Cork verbunden. Und natürlich hat der Ort auch seine sozialen Brennpunkte, wer etwas anderes erwartet sollte mal dringend seine Medikamente wechseln, allerdings wäre es falsch und irreführend, Ballincollig allein als Schlafstadt zu bezeichnen. Dafür verbirgt der Ort zu viele kleine Geheimnisse und Überraschungen. Man muss nur die Augen aufhalten. 
Ach ja, und das Geschütz, dass ich im Titelbild untergebracht habe, dabei handelt es sich um ein Ordnance QF 4.5 inch Feldgeschütz. Diese Haubitze war von 1909 bis 1944 eines der Standardgeschütze der britischen Streitkräfte, und war nach meinem Wissen auch von den in Ballincollig stationierten britischen Einheiten im Einsatz. Ab 1925 wurde dieses Geschütz auch bei den Irish Defence Forces eingeführt, wo es bei den regulären Einheiten bis 1960 im Einsatz war. Die FCÁ, eine Mischung aus Armeereserve und Nationalgarde, setzte die 4.5-Zoll Haubitze noch bis ins Jahr 1976 ein. Sowohl das reguläre 1. Feldartillerie-Regiment, als auch das 8. Reserve-Feldartillerie-Regiment in Ballincollig waren mit diesem Geschütz ausgestattet.
Muss ich mir eigentlich sorgen darüber machen, dass dieses Geschütz genau auf das Büro meines Teams gerichtet ist?

Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    vielen Dank für Deinen sehr interessanten Bericht mit den schönen Fotos!
    Nein, Du brauchst Dir wegen dem Geschütz keine Gedanken machen, wenn Du regelmäßig nachschaust, dass niemand passende Munition dazulegt ...
    Ganz sicher kannst Du sein, wenn der Einschub für die Munition blockiert oder das Rohr irgendwie manipuliert ist, damit ein evtl. Angreifer mitsamt dem Geschütz gesprengt würde, das Geschoss also das Kanonenrohr nicht wie gedacht verlassen könnte.
    Wie gesund es doch sein kann, sich in den Pausen die Füße zu vertreten ...

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