Vom Tod einer Stadt - die vergessene Katastrophe von Longarone

Kennt ihr das auch? Orte, die ihr in eurer Kindheit besucht habt, wirken mittlerweile wie Fantasieort? Ihr habt Erinnerungen an Landschaften, die einfach nur irreal erscheinen aus heutiger Sicht, Anblicke, die scheinbar keinen Sinn ergeben? Mir schwirren einige derartige Landschaften im Kopf herum, und das liegt nicht daran, das ich irgendwelche bewusstseinserweiternden Drogen genommen habe. Das erzählen mir zumindest die Drachen, die mich aus dem Computermonitor anschauen.
Ernsthaft, Als ich noch klein war, fuhr meine Familie regelmäßig in den Sommerferien nach Italien. Anstatt jedoch nur an den Gestaden der Adria durchgebraten zu werden, brachen meine Eltern mit mir immer wieder zu Ausflügen auf, die uns nicht selten in die Italienischen Alpen führten. Eine dieser Touren führte uns damals in ein Städtchen namens Longarone. Hier liegt einer dieser Orte, die im Nachhinein betrachtet einfach nur irreal wirken. 
Blick auf den Vajont-Staudamm von Longarone aus.
Um ihn zu erreichen folgt man erst mal dem Tal der Piave bis zu der bereits erwähnten Kleinstadt Longarone. Am östlichen Hang des Tals kann man von dort aus bereits die elegant geschwungene Form einer Talsperre sehen. In Longarone biegt man dann auf die Regionalstraße SR-251 in Richtung Erto e Casso, und Cimolais. Die Straße schraubt sich an den Hängen des Monte Salta hinauf, und gibt einige beeindruckende Ausblicke auf das Piavetal und die Stadt preis, bevor sie in einem Tunnel verschwindet. Der Tunnel ist immer wieder von Galerien unterbrochen, die den Blick auf eine atemberaubende Landschaft ermöglichen, die Vajont-Schlucht. 
Blick von der Straße auf die Staumauer.
Die elegante Staumauer, die man bereits vom Tal aus erkennen konnte, zeichnet sich immer deutlicher ab, bis man nach einem weiteren Tunnel den Ort erreicht, wo man eigentlich den Stausee sehen sollte.  Anstelle von Wasser sieht man nur eine enorme Masse an Schutt, Geröll und Felsen, welche die eigentliche Staumauer bei weitem überragt. Auch wenn diese Geröllberge mittlerweile teils mit Gras und Bäumen bewachsen sind, so erkennt man doch noch die ungeheure Gewalt, mit der diese Massen sich ihren Weg gebahnt haben. Man könnte meinen, es sei hier ein Berg in den See gestürzt, und genau das ist auch passiert. Das Vajont-Tal ist Schauplatz einer der größten Katastrophen des Alpenraumes, einer vergessenen Katastrophe.
Wie alle derartigen Ereignis ruhen auch die schrecklichen Geschehnisse im Vajont-Tal auf einem Fundament aus guten Absichten. Der Staudamm sollte den immer weiter wachsenden Energiebedarf der Städte entlang des italienischen Alpenvorlandes decken, die zum Industriellen Herz Italiens herangewachsen waren. Die enge Schlucht des Bergflusses Vajont bei Longarone schien hierzu geradezu ideal, öffnete sie sich doch im Hinterland zu einem relativ weiten Talkessel, der ein ordentliches Stauvolumen bieten würde.

Die ersten Planungen für einen Staudamm an dieser Stelle fanden bereits in den 1920er-Jahren statt, als Ingenieure des Energieerzeugers SADE am späteren Standort des Dammes Vermessungsarbeiten durchführten. Detailplanungen begannen 1940, und das Projekt wurde noch 1943, inmitten der Wirren des 2. Weltkrieges genehmigt. Im Zuge des Zusammenbruchs des Italienischen Faschismus und der Nachkriegswirren wurde es eine Zeit lang ruhig um das Projekt. Ab Mitte der 1950er begannen die Vorbereitungen zum Dammbau dann erneut. 1956, noch vor der offiziellen Genehmigung, begannen die Bauarbeiten.
Da der bisherige Straßenverlauf in der Vajont-Schlucht dem Dammbau zum Opfer fallen würde, begann man gleichzeitig mit dem Bau einer neuen Straße entlang des Monte Salta. Im Rahmen dieser Straßenbauarbeiten stieß man auf geologische Strukturen, die auf einem Massiven Felssturz in prähistorischen Zeiten, genauer gesagt vor ca 11.000 Jahren, kurz nach dem Ende der Würm-Kaltzeit. Dieser Bergsturz hatte einen als Colle Isolato bezeichneten Hügel an der Südflanke des Monte Salta geschaffen. Parallele Bauarbeiten am Monte Toc brachten wiederum zu Tage, das dieser Berg von Rissen und Bruchzonen durchzogen war. Beide Informationen wurden an die Projektleiter bei SADE weitergegeben, ohne das man dort irgendwelche Konsequenzen zog.
Während der Bauarbeiten kam es im Bereich der Baustelle zu diversen kleineren Erdrutschen. Dies sorgte dafür, das der Baugrund mit Betoninjektionen stabilisiert werden musste. All dies reichte allerdings nicht aus, um das Projekt zu verzögern, oder ein Umdenken bei den Verantwortlichen zu erreichen. Die Bauarbeiten für den Damm waren im Oktober 1959, also nach etwas über drei Jahren abgeschlossen, eine Beeindruckende Zeit für den damals höchsten Damm der Welt. Der Vajont-Damm würde diesen Rekord bis zur Fertigstellung der Grande-Dixence-Talsperre in der Schweiz 1965 innehaben. Innerhalb seiner Bauart, der Doppelbogen-Staumauer, würde er sogar noch bis zur Fertigstellung der Enguri-Talsperre in der damaligen UdSSR  (heute Georgien) im Jahre 1978 Spitzenreiter bleiben. 
Die Füllung des Damms begann im Februar 1960 nach der Freigabe durch die zuständigen Behörden. Der See wurde bis November auf eine Höhe von 650 Metern über Meereshöhe angestaut. Dann, am 4. November 1960, kam es zu einem ersten Erdrutsch. Insgesamt 700.000 Kubikmeter Gestein und Geröll lösten sich am westlichen Teil des Monte Toc, und stürzten in den See, wobei Wellen von bis zu 30 Metern Höhe ausgelöst wurden. Diese richteten jedoch keinen größeren Schaden an.
Bereits vorher, im Oktober 1960 hatte sich entlang der Abbruchkante des alten Erdrutsches ein Spalt von einem Meter Breite und fast 2.5 Kilometern Länge gebildet. Sofort ließen die Ingenieure von SADE den Wasserspiegel im See auf 600 Meter ü.M. sinken. Man begann mit dem Bau eines Umleitungsstollens, um die Funktionsfähigkeit des Kraftwerks sicherzustellen, selbst wenn ein Erdrutsch den Stausee in zwei Becken teilen würde. Parallel dazu wurde eine Studie zu den Gefahren eines Erdrutsches am Monte Toc beim Institut für Hydraulik und Wasserbau an der Universität von Padua in Auftrag gegeben. Im Rahmen dieser Studie wurden die Auswirkungen eines Erdrutsches mithilfe von Kieselsteinen in einem Modell des Vajont-Sees simuliert. Man ging hierbei von einem gemächlichen Abrutschen aus.
Die Ergebnisse der Simulation zeigten, das die Verdrängungswelle, die ein derartiger Erdrutsch erzeugen würde, hoch genug wäre, um die Dammkrone zu überspülen, sollte der Wasserspiegel 20 Meter oder höher unter der Krone liegen. SADE entschloss zuerst, den Wasserspiegel auf 35 Meter unter der Dammkrone (690 Meter ü.M.) einzupendeln. Nach Abschluss der Bauarbeiten für den Umgehungsstollen wurde im Oktober 1961 wieder mit dem aufstauen des Sees begonnen. Als sich der Wasserspiegel sich im Frühjahr 1962 der angestrebten Marke von 690 Metern näherte, entschlossen sich die Ingenieure, den See auf die volle Stauhöhe anzustauen. Man glaubte, die Geschwindigkeit der Hangrutschung durch gezielte Änderung des Wasserspiegels kontrollieren zu können. 
Dies wurde um den Jahrenswechels 1962/1963 scheinbar bestätigt. Der Wasserspiegel des Sees war im Dezember 1962 bei 700 Metern ü.M. angelangt. Zeitgleich begann sich der Hang, der Lange Zeit relativ stabil gewesen war, zu bewegen. Er erreichte bei dieser Absenkung teilweise eine Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Tag. Aus der Sicht eines Normalen Menschen ist dies nicht viel, und entspricht ungefähr dem durchschnittlichen Arbeitstempo eines typischen Deutschen Beamten, in geologischen Maßstäben ist dies jedoch rasend schnell. Bis 1963 wurde der Wasserspiegel im See auf 650 Meter reduziert, und die Hangbewegung kam zum erliegen.
Derart bestätigt wurde der See wieder aufgestaut. Die 700-Meter-Marke wurde schließlich Mitte 1963 wieder erreicht und sogar übertroffen. Das Maximum wurde im September 1963 mit 710 Metern ü.M. erreicht. Bereits vorher war ein erneuter Anstieg der Hangbewegung am Monte Toc festgestellt worden. Dieser wurde jedoch nicht weiter beachtet, ebenso wenig wie die Berichte und Beschwerden der Anwohner. Diese hatten während des gesamten Anstauvorgangs immer wieder über Erdstöße und Erdrutsche geklagt. Über den Sommer 1963 waren laute Geräusche aus dem inneren des Monte Toc hinzugekommen. Ende September wurde die Sache dann aber auch den Ingenieuren des neuen Staatlichen Energieversorgers ENEL, der die Vajont-Talsperre im März 1963 von SADE übernommen hatte, zu unheimlich. Man entschloss sich dazu, den Wasserspiegel des Sees wieder zu senken, da die Bodenbewegungen seit dem erreichen der 710-Meter-Marke drastisch zugenommen hatten. Der Hang war wieder in Bewegung gekommen, und rutschte mit bis zu vier Zentimetern in Richtung Tal. Diese Senkung kam jedoch zu spät. Anfang Oktober 1963 war die Geschwindigkeit der Bergflanke auf 20 Zentimeter pro Tag angewachsen.
Am 9 Oktober 1963 war es dann soweit. Die Hangbewegungen erreichten ihr Maximum. Die Ingenieure am Damm beobachteten den ganzen Tag über umstürzende Bäume und kleinere Erdrutsche entlang der erwarteten Bruchkante. Die Senkung des Wasserspiegels war eingeleitet und den anwesenden Ingenieuren und Geologen war bewusst, das ein Erdrutsch nun nicht mehr vermeidbar war. Als sich der Abend näherte, versammelten sie sich auf der Dammkrone, um den Erdrutsch zu beobachten. Niemand kam auf die Idee, die Anwohner unten im Piavetal zu informieren. Keiner von ihnen ahnte, das sie mit ihrem Ausflug auf die Dammkrone ihr Schicksal besiegelt hatten.
um 22:39 Uhr löste sich ein gewaltiger Teil des Nordhangs des Monte Toc. Auf einer Länge von Zwei Kilometern brach eine 250 Meter dicke Gesteinsschicht ab, und stürzte in den See. Die Wucht des Erdrutsches war so gewaltig, das die Masse am Gegenüberliegenden Hang noch bergauf gedrückt wurde und sich über den Colle Isolato, den Zeugen des letzten kataklysmischen Erdrutsches, schob. Der Erdrutsch verdrängte fast das komplette Wasser aus dem Lago del Vajont. Eine gewaltige Welle wurde das Tal aufwärts geschoben, wo es alles in seinem Weg vernichtete. Wie durch ein Wunder entgingen die Dörfer Erto und Casso um wenige Meter ihre Zerstörung.

Was das Wasser übrig ließ: Blick auf das, was von Longarone übrig blieb.
Der spektakulärste, und zerstörerischste Teil der Katastrophe spielte sich jedoch am Westlichen Rand des Tals ab. Ca 50 Millionen Kubikmeter Wasser, ein Drittel des Speichervolumens des Sees, wurden durch den Erdrutsch in Richtung Longarone gedrückt. Eingeklemmt zwischen dem Erdrutsch und der Staumauer türmte sich das Wasser zu einer 200 Meter hohen Flutwelle auf, die über den Damm hinwegfegte, und in den Ausgang der Vajont-Schlucht hineinbrach. Hierbei rissen die Wassermassen den obersten Meter der Dammkrone mit sich. Als die Welle die Kleinstadt Longarone erreichte, war sie immer noch über 70 Meter hoch. Die Einwohner hatten keine Chance. Die Stadt wurde praktisch ausgelöscht, ebenso wie diverse andere Gemeinden im Tal. Die Wassermassen verschluckten auch die Ortschaften Pirago, Villanova, Rivalta, und Faé, und richteten in diversen anderen Orten und Städten des Piavetals teils enorme Schäden an.
Als sich der Staub gelegt hatte, wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Teile des Piavetals hatten aufgehört zu existieren. Eine Meterdicke Schlammschicht hatte sich über das Tal gelegt, und Die Ruinen der Dörfer unter sich begraben. Nur der Kirchturm deutete darauf hin, wo sich einst Longarone befunden hatte. Italienische Rettungskräfte und Helfer der US-Streitkräfte in Italien begannen unmittelbar mir der Suche nach Überlebenden. Diese Suche erwies sich als langwierig und frustrierend, da es kaum Menschen gab, die das Desaster überlebt hatten. Eine Genaue Opferzahl konnte nie genannt werden, viele der Opfer wurden nie gefunden. Realistische Schätzungen sprechen jedoch von 1900 bis 2500 Toten. Es war die größte Katastrophe ihrer Art in Europa.
Das einzige, was die Fluten in Longarome stehen ließen war der Kirchturm.
Die juristische Aufarbeitung der Katastrophe entwickelte sich im Italien der Nachkriegszeit selbst zum Desaster. Der Prozess wurde von den beiden dominanten Politischen Kräften Italiens, der konservativen Partei Democrazia Cristiana und der Kommunistischen Partei zur Profilierung benutzt. Er wurde mehrfach verschoben und verlegt, und im Endeffekt wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, da die im ersten Verfahren ausgesprochenen Haftstrafen von einem Berufungsgericht praktisch komplett wieder eingezogen wurden. Longarone und einige andere Dörfer wurden wieder aufgebaut, der italienische Staat stellte Millionen für die Wiederansiedlung von Industriebetrieben im Piavetal zur Verfügung.
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was hatte zu diesem Erdrutsch geführt? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir sehr weit zurückgehen, und sehr tief hinunter. Die Antwort liegt nämlich in der Struktur und Entstehungsgeschichte der Südlichen Kalkalpen. 
Wie der große Rest dieser Gebirgszüge ist auch die Gegend um das heutige Vajont-Tal auf dem Boden eines prähistorischen Meeres entstanden. Die Schichten aus Kalkstein, die sich im Laufe der Jahrmillionen angesammelt hatten, wurden dann gefaltet, zerrissen, oder gestaucht, als es vor diversen Millionen Jahren zur Kollision der Europäischen und Afrikanischen Kontinentalplatten kam, in deren Zuge sich die Alpen erhoben.
Während sich die Kalksteinschichten im Bereich des Monte Toc Im 45°-Winkel geneigt sind, so flacht sich dieser Winkel im Bereich des Südhangs des Vajont-Tals ab und geht in die Horizontale über. Hierbei wird eine Schicht relativ junger Kalksteine freigelegt, die unter dem Monte Salta wieder verschwindet.
Man sollte meinen, das eine derartige Horizontale Schichtung von Kalkgestein ziemlich stabil ist. Nun, dies ist gerade hier nicht der Fall. Der Grund dafür ist der Vajont selbst. Dieser hat sich im Laufe der Jahrtausende tief in den Kalkstein hineingefressen, und dabei eine bis zu 200 Meter tiefe Schlucht erschaffen. Diese Schlucht verlief ursprünglich weiter nördlich als der heutige Flusslauf, wurde aber im Laufe eines ersten zerstörerischen Erdrutsches verschüttet. Erste geologische Strukturen, die hierauf schließen ließen, waren wie bereits weiter oben erwähnt im Rahmen der Straßenbauarbeiten im Jahre 1959 gefunden worden. Als Ingenieure von SADE nach dem Erdrutsch von 1961 mit dem Bau der Umleitungsstollen begannen, stießen sie hierbei auf die Sedimente, die vom Vajont vor dem Erdrutsch im alten Flussbett abgelagert worden waren. All dies destabilisierte die Nordflanke des Monte Toc. Verschärft wurde die Situation durch eine Schicht von relativ jungem Gestein aus dem Jura und Trias, die auf einer ähnlich alten und aufgebauten Schicht gelagert waren. Beide Schichten wurden durch eine Tonschicht voneinander getrennt. Diese war nur wenige Zentimeter dick, aber viele Leute wissen ja schon aus ihrem Privatleben, wieviel  Unterschied ein paar Zentimeter machen können.
Diese Tonschicht war an zwei Stellen den Elementen ausgesetzt, am Südlichen Hang der Vajont-Schlucht, sowie an einer beinahe vertikalen Struktur am oberen Rand des zukünftigen Erdrutsches. Immer wenn diese Tonschicht nach größeren Regenfällen feucht war, wirkte sie wie ein Schmiermittel, was zu kleineren Erdrutschen und Erdbeben führte. Dies brachte dem Monte Toc seinen Spitznamen “Laufender Berg” ein, weil er immer in Bewegung zu sein schien.
Als man mit der Füllung des Stausees begann wurde auch das untere Ende der Trennschicht überspült. Diese begann, sich mit Wasser vollzusaugen. Im oberen Bereich der Trennschicht begann das Wasser aufgrund des hydrostatischen Paradoxons, wie ein Keil zu wirken. Der Hang fing an, abzurutschen. Noch war die Reibung des Tons jedoch stark genug, den Hang zu halten. Bis zum Jahr 1963. Als der See den Pegel von 700 Meter überschritt, stieg der Wassergehalt der Tonschicht immer weiter an. Die durch die Bewegung des Hangs erzeugte Reibungshitze heizte den Ton auf, was zu einem weiteren Anstieg des Drucks und damit zu einer schnelleren Bewegung führte. Lange Zeit war jedoch die Reibung noch stark genug um die Hangbewegung in überschaubaren Maßen zu halten. Dann, am 9. Oktober 1963 war der kritische Punkt erreicht. Bei einer nachträglich ermittelten Temperatur von 36°C änderte sich das Verhalten der Tonschicht. Sie begann nun, das vorher aufgenommene Wasser abzustoßen. Im Endeffekt bildete sich innerhalb weniger Sekunden ein Wasserfilm an der Unterseite des Erdrutsches, auf dem dieser praktisch Widerstandslos ins Tal rutschen konnte. Durch die Keilwirkung des Wassers im Bereich der oberen Abbruchkante erreichte er hierbei Geschwindigkeiten von bis zu 110 km/h. Im Zusammenspiel mit der enormen Größe des Erdrutsches, die fast 270 Millionen Kubikmeter umfasste, war das Desaster unvermeidlich.
Blick auf den Stausee kurz nach dem Erdrutsch. Im Hintergrund sieht man noch den regulären Wasserspiegel des Lago del Vajont.
In vielerlei Hinsicht war es der "perfekte Sturm". Die Geologische Instabilität des Monte Toc war bereits 1959 erkannt worden, die Bruchlinien und die Tonschicht, die das Desaster erst möglich machten wurden erst nachträglich entdeckt. 
Blick auf den Lago del Vajont. Man beachte vor allem den niedrigeren Wasserspiegel des Sees. Quelle: Frisia Orientalis via Wikimedia, Creative Commons Attribution Share-Alike 3.0
Trotz der enormen Menge an Schutt und Gestein, die das Vajont-Tal verschüttet haben existiert der Lago del Vajont auch heute noch. Er ist jedoch nur noch ein Schatten seines früheren Wesens, erheblich kleiner, und mit einem erheblich geringeren Wasserspiegel. Der Rest des früheren Sees wurde durch eine irreal anmutende Landschaft ersetzt. Seit der Katastrophe wurde der Schuttberg untertunnelt, um ein kontrolliertes Abfließen des Lago del Vajont zu gewährleisten. Dies soll verhindern, das sich der Vajont von selbst durch den Schuttberg frisst, und es zu einer Wiederholung der Katastrophe von 1963 kommt.
Blick auf die Rückseite und die enormen Schuttmengen, die durch den Erdrutsch in den See gelangten. Der komplette Hügel im linken Bildvordergrund ist durch den Erdrutsch entstanden. Quelle: Frisia Orientalis via Wikimedia, Creative Commons Attribution Share-Alike 3.0
Der Vajont-Damm ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, als man glaubte, mithilfe von Technik alle Hindernisse überwinden zu können. Er sollte ein Meisterwerk des Ingenieurwesens werden, ein Beispiel dessen, was mit moderner Technologie möglich ist. Und, ganz ehrlich, der Damm selbst war und ist ein Meisterwerk. Während jener schrecklichen Momente des 9. Oktober 1963 war der Damm Druck und Vibrationen ausgesetzt, welche die maximalen Belastungsgrenzen des Damms um das achtfache überstiegen. Trotzdem überstand er die Katastrophe fast unbeschädigt. Auch heute noch erhebt er sich über Longarone und dem Piavetal, als Denkmal an die Opfer jenes schrecklichen Abends, und als Mahnmal an Ingenieure und Architekten in aller Welt, das die Natur immer das letzte Wort haben wird.

Kommentare

  1. Gute Forschung. Nützlich und interessant, danke!

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  2. Da scheint mir etwas mit dem Datum verrutscht zu sein. Sie schreiben hin und wieder vom 4. November, meinen aber vermutlich durchgehend den 9. Oktober.

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    1. Danke für den Hinweis, da ist mir in der Tat ein Fehler unterlaufen. Wird gleich korrigiert.

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